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  • Writer's pictureDr. med. Wolfgang Vogell

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

Updated: Sep 11, 2023

Überlegungen zu Beendigungs-Ritualen


Prolog:

Wer kennt nicht diesen Karnevalsschlager von Stephan Remmler. Aber ganz so einfach scheint es mit dem Beenden nicht zu sein.

"Von Ende gut, Alles gut" über "Du wirst noch ein schlimmes Ende nehmen" bis hin zu "der Weltuntergang steht bevor, es ist 5 MINUTEN VOR 12" leben wir einem großen Spannungsfeld im Zusammenhang mit Ende.

"So kann es jetzt nicht weitergehen, wir müssen das beenden! Die rote Linie ist jetzt überschritten. Wir müssen handeln, jetzt ist Schluss mit lustig. Jetzt wird es ernst".


 

Neben dem herbeigesehnten Ende scheint das Ende aber auch eine hoch bedrohliche Qualität zu haben: die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses, die Beendigung einer Beziehung, die Sorgen um ein würdiges Lebensende sind eng verknüpft mit Verlustängsten, mit dem Gefühl, etwas zu verlieren.

"Ach, Augenblick verweile, denn, du bist so schön", wird Goethe zugeordnet, aber der Augenblick verweilt nicht. Er endet augenblicklich.


Von „Aller Anfang ist schwer“„Das haben wir schon immer so gemacht“, „Never change a running system“ bis zu „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ haben wir auch beim Anfang ein Spannungsfeld. Diese Zeile aus Hesses Gedicht Stufen macht uns Mut, Dinge zu beenden und neu zu beginnen. Ganz offensichtlich ist es also eine Entscheidung von uns, wann etwas zu Ende ist und wann etwas Neues beginnen darf.


Für Historiker ist das oftmals eine schwierige Entscheidung zu bestimmen, wann eine Epoche beginnt und wann sie endet.


Bei einem Start-Ziel-Lauf ist klar, wo das Anfang und das Ende ist.

In 80 Tagen um die Welt ist ein Roman von Jules Verne, der sich indirekt mit Beginn und Ende der Reise, die gebunden ist, an Zeit und Ort beschäftigt. Denn entgegen dem ersten Gefühl, dass die Wette verloren ist, kann sie doch noch gewonnen werden.

Bei der Suche nach einem Heilmittel gegen HIV-Infektionen ist dies schon deutlich schwieriger zu definieren.

Oftmals braucht es eine Instanz, die bestimmt, ob etwas zu Ende ist oder nicht.

Die WHO hat 08.Mai 1980 verkündet: Die Pocken sind ausgerottet.


Eine lange Diskussion um Organspende und das Lebensende sowie die Kriterien für die Feststellung des Todes führte zu Festlegungen, die Regeln, unter welchen Bedingungen Organe entnommen werden können.


Grundsätzliche Überlegungen zu Anfang und Ende:

Gibt es überhaupt einen Anfang ohne Ende? Was war vor dem Urknall?

„Vor die Therapie hat der liebe Gott die Diagnose gestellt.“ Und was ist, wenn es keine Diagnose, sondern nur Symptome gibt?


Wenn-Dann-Denken im Zusammenhang mit Beendigung:


Ich wünschte, es werde Nacht oder die Preußen kämen“ wird Wellington 1815 in der Schlacht von Waterloo zugeordnet .

Hinter diesem Zitat steht die Idee einer Bedingung im Sinne einer Wenn-Dann- Bedingung. Wenn es erst mal dunkel ist, kann Napoleon mich nicht mehr angreifen, denn im Dunkeln konnte 1815 nicht gekämpft werden. So habe ich erst einmal ein bisschen Zeit um auf Rettung zu hoffen. Hoffnung hilft uns im Umgang mit der Angst vor einem vorzeitigen Ende. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ob ein Ende vorzeitig ist, ist unsere Entscheidung. Oftmals wird das Ende gekoppelt an ein Lebensalter. Dass jemand mit 101 Jahren stirbt, ist deutlich mehr akzeptabel als mit sechs Monaten.

Die Nicht-Akzeptanz eines Endes kann uns in tiefste Dunkelheit führen. Die Vorstellung, das hört nie auf, kann uns ebenfalls in tiefster Dunkelheit führen.



Wie kommen wir nun aus diesem Teufelskreis heraus?


Freut euch, denn ich habe gute Botschaft.

Wir selber haben die Macht, etwas zu beenden! Das ist reine Kopfsache.


  1. Der Jahrhunderte lange Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Politiker Charles de Gaulle und Konrad Adenauer beendet durch den Élysée-Vertrag, Januar 1963, der jetzt gut 60 Jahre alt ist.

  2. Im westfälischen Frieden 1648 wurde der 30-jährige Krieg beendet.

  3. Das Trauerjahr endet normalerweise nach zwölf Monaten. Damit es enden kann, brauche ich die Fähigkeit, mit der Beendigung leben zu können. Sonst beherrscht die Kränkung mein Leben. Das Unverzeihliche beherrscht meinen Alltag. Ich bin getrieben vom Wunsch nach Wiedergutmachung und Rache.

  4. Ein Opfer-Täter-Ausgleich mit Eingeständnis von Schuld und Bitte um Vergebung hilft oft Dinge zu beenden.

  5. Jeder neue Tag ist der Beginn vom Rest meines neuen Lebens

  6. Nimm Dein Bett und geh!


Wenn wir wollen, können wir etwas zu Ende bringen.



Es ist, was es ist, sagt die Liebe.


Dieses Gedicht von Erich Fried

versucht deutlich zu machen, dass die Beendigung ständig da ist, so wieder

Augenblick augenblicklich endet.





Und warum leben wir nicht danach?

Der Versuch über Kausal-Ketten „Warum konnte es soweit kommen“ für sich Gründe zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen, behindert oftmals die Akzeptanz, dass es so ist. Über die Klärung der Schuldfrage versuchen wir, der Idee der Beendigung zu entfliehen um den Preis, uns ohnmächtig und nichtig vorzukommen. Allerdings verspricht uns das Wissen um die Zusammenhänge eine Steuerung. Wer weiß, dass Zeugung durch Befruchtung entsteht, kann Zeugung verhindern.

Voraussetzung zur Beendigung:

Die Bereitschaft zum Anerkennen der Lage bedeutet nicht, dass Beendigung gleichzusetzen ist mit Niederlage. Auch nicht mit: Nichts geht mehr.

Das Gegenteil ist der Fall. Das Neue kann nur Raum greifen, wenn das Alte Raum gibt.

Und wie soll das gehen? Dem Neuen Raum geben? Das Alte in Dankbarkeit beenden?

Radikal: Von der Wurzel her zu sehen, dass die Beendigung neues Leben ermöglicht. Die Abbruchblutung aus der Gebärmutter ermöglicht eine neue Schleimhaut, die einem befruchtetem Ei die Möglichkeit des Einnisten bietet.

Das Sterben von 3 Millionen roten Blutkörperchen pro Sekunde ermöglicht ständig frische Blutkörperchen, denn diese werden ständig nachproduziert.

Das Vertrauen, dass es immer weiter geht, erleichtert die Beendigung.

Das biologische Prinzip der Mutation, auf deutsch das Prinzip der Verwandlung, geht einher mit der Aufgabe des Alten.


Radikale Veränderungen nennen wir Paradigmenwechsel. Die Erde dreht sich um die Sonne ist ein solcher Paradigmenwechsel, der die alte Weltsicht der katholischen Kirche auf den Kopf gestellt hat.

Wir leben in einem christlichen Kulturraum, der das Tor aufgestoßen hat, für radikale Veränderungen. Die Geschichte vom Weinberg und vom verlorenen Sohn lösen in uns ein Unbehagen aus. Denn hier werden Auffassungen vertreten, die nicht gerecht sind.


Warum soll jemand für 10 Minuten Arbeit den gleichen Lohn bekommen wie jemand für 10 Stunden Arbeit?

Warum soll ein Sohn, der sein Erbe verbraucht hat, genau so liebevoll behandelt werden wie der andere Sohn, der immer hart gearbeitet und gespart hat?


Soziales Miteinander wird getrieben von der Beendigung der Behauptung Stärke siegt. Gemeinschaft als gleichwertig und gleichberechtigt zu leben und zu erleben sichert sozialen Frieden aus dem Gefühl füreinander da zu sein. Dies sind Ideen einer Integrationspolitik, die nicht immer auf Gegenliebe stoßen.


Die Auflösung der Opfer-Täter-Retter-Triade in ein gegenwartsorientiertes „Was ist jetzt hilfreich?“ löst alte Schuld(en) auf und bietet Raum für zeitnahe Hilfe. Einzige Voraussetzung: Der Glaube daran, dass alte Schuld(en) aufgelöst werden kann.

„Nicht ich habe Dir geholfen, sondern Dein Glaube, dass Dir geholfen werden kann, hat Dir geholfen. Denn Du konntest akzeptieren, dass Du Dir alle Verfehlungen der Vergangenheit vergeben konntest.“


Wenn es uns gelingt, dass Neue in unsere Denkwelten einzulassen, lösen wir uns von der Sicherheit des Bekannten und riskieren die Entdeckung unbekannter Welten.


Ein Beispiel hierfür ist Albert Einstein, der sich mit seinem Satz „Zeit ist das, was die Uhr anzeigt“ weit entfernt hat von den bis dahin gepflegten Ansichten über die Zeit. Über diese Definition der Zeit gelang Albert Einstein die Entwicklung der Relativitätstheorie, die unser Denken bis heute erschüttert.


In 80 Tagen um die Welt ( s.o.) hatten wir nur zwei Komponenten: die Zeit (80 Tage) und die Strecke (um die Welt). Seit Einstein haben wir noch die Geschwindigkeit als Relativierer der Zeitmessung. Bei Lichtgeschwindigkeit bleibt die Zeit stehen. Hallo, was soll das? Jetzt habe ich einen Knoten im Kopf. Hilfe ich will hier wieder raus!

Die Lösung naht im Wunsch-Denken:

Im Wunschdenken verlassen wir die Sicherheit der Realitätsprüfung und wagen uns in die Welt des Wünschenswerten.

Wenn wir uns das trauen, können wir als verlorener Sohn zum Vater zurückkehren, können wir für 10 Minuten Arbeit den vollen Tagelohn einer Arbeiters im Weinberg bekommen. Dann können wir die deutsch-französische Freundschaft freudig leben.


Also was hindert uns daran, dem Wunschdenken die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient?


Wir sind nun mal Realisten. Phantastinnen und Phantasten haben bei uns einen negativen Beigeschmack. Das sind Menschen mit überspannten Ideen, die zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit nicht unterscheiden können. Das sind Schwärmer mit einer rosaroten Brille der Begeisterung für einen Idee. Und doch haben genau diese Menschen die Welt nachhaltig verändert mit unrealistischen Ideen.


Die Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire 1883 kostete 20 Millionen Pfund, das wären heute 20 Milliarden Pfund. Das waren damals 20% des Staatshaushaltes. Der dafür aufgenommen Kredit konnte erst 2015 komplett getilgt werden. Ist eine solche Anstrengung realistisch? Auf jeden Fall ist sie historisch. Und wer hat das ganze Geld bekommen. Die Sklaven als Wiedergutmachung im Sinne eines Opferentschädigungsgesetzes oder die Sklavenhalter im Sinne einer Entschädigung wegen Enteignung? Was wäre wohl gerecht gewesen?


Im Film „Amazing Grace“ (alternativer deutscher Filmtitel: Der Mann, der die Welt veränderte) von 2006 wird die reale Geschichte von William Wilberforce beschrieben, der sich über Jahrzehnte bemühte über eine Gesetzesänderung im Unterhaus, die Abschaffung des Sklavenhandels zu erreichen. Erst nach 20 Jahren gelingt es im Februar 1807 den Sklavenhandel im British Empire zu verbieten. Es dauerte dann nochmals 76 Jahre bis die Sklaverei verboten wurde.


Die Liste der Phantasten könnte ich beliebig weiterführen von Jesus, Buddha, Mahatma Ghandi, Nelson Mandela bis Greta Thunberg.

Die Akzeptanz der Nichterfüllung unterscheidet diese Menschen von den Machern in der Geschichte wie Napoleon.


Es ist das höchste Privileg des Menschen, sich frei entscheiden zu können. „Der Großinquisitor“ von Fyodor Dostoyevsky aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“ beschreibt die phantastische Geschichte, dass Jesus im 16. Jahrhundert in Sevilla erscheint, wo gerade die Inquisition stattfindet.

Das Volk erkennt Jesus und der Großinquisitor läßt Jesus in einen Kerker bringen. Dort hält der Großinquisitor Jesus einen langen Monolog. Hierin wirft er Jesus vor durch seine Haltung der freien Entscheidung den Menschen Qual zu bringen.

Die Kirche habe über die Inquisition endlich eine Klarheit geschaffen und die Menschheit befreit von der Qual der Wahl. Jesus aber habe von den Menschen nie erzwungen, sich für seine Lehre zu entscheiden. Stattdessen habe er der Menschheit die Bürde der freien Entscheidung zurückgelassen. Jemanden zu belügen und damit zu schonen, sei doch nur für den Lügner schwer, der den Belogenen vor der Wahrheit schützt.


Ja, das mag ja alles ganz interessant sein, aber was hat das mit mir zu tun?

Bevor es zur einer Haltungsänderung im Behandlungsauftrag kam, war es üblich Patienten, die todsterbenskrank waren, dies nicht zu eröffnen. Man wollte den Patientinnen und Patienten die letzte Lebenszeit nicht mit den Sorgen um den Tod vermiesen.


Heute gibt es die Haltung des mündigen Patienten, der ein Recht darauf hat, sich auch mit dem Tod auseinandersetzen zu dürfen. Die Zeit der Halbgötter in Weiß ist vorbei. Die Behandlung wird zur Dienstleistung, die Behandelten zum Kunden. Die Diskussion um einen selber bestimmten Tod ist im vollen Gang.


Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Nun sind wir von einem Karnevalsschlager zu sehr ernsten Themen gekommen. Wie ernst sieht man bei einem kurzen Blick in die deutsche Geschichte.


Es ist gerade mal 89 Jahre her, da wurde in Deutschland klargestellt, wer ein Recht zu leben hat und wer nicht. Der Begriff des „unwerten Lebens“ wurde in die Gesetzgebung eingeführt. 1934 ermöglichte das „ Gesetz zur Verhütung erberkrankten Nachwuchses“ die Zwangssterilisation vermeintlich Erbkranker und Alkoholiker im Sinne der Rassenhygiene.


Am 23.05.1949 wurde mit Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes die Unantastbarkeit der Menschenwürde garantiert und somit einer Haltung ein Ende gesetzt, ein Recht zu haben über den „Wert des Lebens“ zu entscheiden.


„Ende gut, Alles gut.“ Wir müssen uns unserer Verantwortung für die Freiheit in unserem Leben bewußt bleiben, damit wir am Ende unseres Lebens sagen können: Ende gut, Alles gut.


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