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  • Dr. med. Wolfgang Vogell

Schuster bleib bei Deinen Leisten oder Veränderung erfreut

In diesem kleinen Text möchte ich ein paar Denkanstöße zum Thema Veränderungswahrnehmung geben. Viel Freude damit!


Veränderungswunschwahrnehmung, Abweichungswahrnehmung, IST- SoLL-Differenz-Wahrnehmung

Drei Begriffe, die alle das gleiche Phänomen beschreiben und doch sehr unterschiedliche Gefühle auslösen.


„Bin ich schon gewachsen, Oma?“ Wer kennt es nicht das Phänomen, sich Veränderung herbei zu wünschen zum Beispiel beim Blick auf die Waage nach der Frühjahrsdiät.(Veränderungswunschwahrnehmung).


„Geht meine Uhr richtig?“ Diese Frage trägt den Unterton des Zweifels in sich. „Bin ich passend angezogen?“ Overdressed, underdressed richtet sich nach dem Wunsch dazu zu gehören, gleichwertig und gleichberechtigt Teil einer Gemeinschaft zu sein. (Abweichungswahrnehmung).


Ist bei der Kassenprüfung das Geld vorhanden, was auch vorhanden sein soll? Das macht jeden Tag jeder Kassiererin Angst und doch viel Ärger bei größeren Abweichungen.

(IST-SOLL-Differenz-Wahrnehmung).



Veränderungswahrnehmung - ist das wirklich nötig?

Die deutsche Elektro- und Optikindustrie war in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunder Weltmarktführer. Made in Germany war zunächst von den Engländern ein erzwungenes Label, später ein Qualitätssiegel. Die deutsche Autoindustrie galt Jahrzehnte lang als absoluter Markführer mit Marken wie Mercedes und Porsche. Eine Beobachtung des Weltmarktes schien nicht erforderlich bei so einer dominanten Marktstellung. Wie wir Alle wissen, sind diese Zeiten lange vorbei. Fernost hat uns in vielen Branchen ein- und überholt.

Mit den Veröffentlichungen des Club of Rom 1968 wurde erstmals einer breiten Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer Umweltpolitik nahe gebracht. 1980 befuhren Umweltaktivisten mit einem gecharterten niederländischen Segelboot den Rhein von Basel bis nach Amsterdam und nahmen Wasserproben an den Zuflüssen der Großindustrie, die direkt an Bord von Chemikern ausgewertet wurden. Die Ergebnisse wichen stark von den offiziellen Ergebnissen ab, wurden überprüft und führten letztendlich zur Errichtung von Kläranlagen, sodass der Rhein heute wieder als sauberes Gewässer gelten kann.

Trotzdem dauerte es noch Jahrzehnte bis Umweltthemen einen Wahlkampf beherrschten. Die Wahrnehmung für Veränderungen in der Öffentlichkeit waren zu gering, um damit breite Wählerschichten zu erreichen.


Was lernen wir daraus?

Veränderungswahrnehmung könnte uns sehr hilfreich sein, wenn wir vor Veränderung keine Angst haben. Ansonsten ist es besser, Veränderungen nicht wahrzunehmen. Denn sie bedrohen unsere Idylle von einer "heilen Welt".

Die Angst hat ihren Ursprung im Erleben der Enttäuschung. Vermeidung von dieser schmerzlichen Erfahrung verändert die Wahrnehmungsgenauigkeit.



Wenn wir voller Hoffnung auf die Waage steigen, nachdem wir uns tagelang gequält haben und sie zeigt keine Veränderung, verlieren wir die Lust an der Erfahrung, da sich sowieso nie was ändern wird.





Aus der Veränderungswunschwahrnehmung wird eine Abweichungswahrnehmung.

Wir haben Angst, dass wir abweichen und verlieren die Lust an der Veränderung. Varitas delectat (Abwechslung erfreut) steht nicht mehr auf der Speisekarte. Schuster bleib bei deinen Leisten; was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht; wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis. Diese Sätze unterstützen uns in der Haltung: Das haben wir schon immer so gemacht, das ändern wir nicht.


Die IST-SOLL-Differenz-Wahrnehmung

Ein Soll kann bedeuten: Ich habe es nicht, sollte es aber haben (Handlungsdruck)

Ein Soll kann bedeuten: So soll es sein, denn ich weiß, was ich will. Es möge so geschehen(Amen)

Ständig zu spüren, dass ich nicht genüge (Genug ist nicht genug, genug kann nicht genügen / Liedertext Konstantin Wecker) kann ängstlich, niedergedrückt und verbittert machen.


Ich kann machen, was ich will. Es ist immer verkehrt.

"Ein Mann schenkt seiner Frau zwei Blusen. Sie freut sich sehr und zieht eine Bluse direkt an. Er sagt: „Das habe ich mir doch gleich gedacht, dass Dir die andere Bluse nicht gefällt. Nie kann ich es Dir recht machen. " (Frei nach Anleitung zum Unglücklichsein von Watzlawick)


Auf welcher Hirnareal-Ebene nehme ich Veränderungen am schnellsten wahr?

Im Limbischen System (Zwischenhirn) arbeitet unser Gehirn im Millisekundentakt, im Bereich des bewußten Denkens (Großhirn) im Sekundentakt.


So wird eine Wahrnehmung vom Limbischen System auf zwei Qualitäten geprüft:

Alt oder Neu
Gefährlich oder Ungefährlich

Bei der Beurteilung Alt und Ungefährlich wird weiter nichts passieren.

Bei Alt und Gefährlich Kommt es zu einer Alarm-Reaktion.


Diese kann drei Qualitäten beinhalten:

  • Abhauen (Fly)

  • Draufhauen (Fight)

  • Erstarren (Freeze).


Alle drei Reaktionen helfen mit einer Situation umzugehen.

  • Abhauen hilft dann, wenn ich dazu noch eine Chance habe.

  • Draufhauen hilft dann, wenn ich zum Abhauen keine Chance mehr habe.

  • Erstarren hilft dann, wenn die Bedrohung nur auf Bewegung reagiert wie eine Katze.


Auf der Großhirn-Ebene wird ggf. der Alarmreaktion ein Gefühl zugeordnet. Freude,

Überraschung, Ekel.


Ihr Dr. med. Wolfgang Vogell



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